Anela - Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016

Seit dem Frühjahr 2019 sind wir Pferdebesitzer. Viele Jahre widmete ich fast ausschließlich dem Duathlonsport und betrieb das Reiten maximal "nebenbei".
Nach dem Weltmeistertitel 2018 machte ich mich ernsthaft auf die Suche nach "meinem" Nachwuchspferd. Das dauerte dann auch einige Zeit, bevor wir fündig wurden.

In diesem Blog möchte ich die Pferdebegeisterten unter Euch ein wenig auf den Ausbildungsweg von Anela und meinen Gedanken dazu mitnehmen.
Ähnlich wie im Ausdauersport möchte ich von den Erfolgen (hoffentlich häufiger) und auch von den Misserfolgen (hoffentlich seltener) berichten.
Auf meiner Facebook-Seite darf dazu gerne diskutiert werden, aber bitte lasst unterschiedliche Meinungen zu.
Egal, wie erfahren oder unerfahren man als Pferdebesitzer ist, man agiert in der Ausbildung dennoch als "Trainer" des Pferdes. Man gibt den Weg vor und muss ständig aufs Neue Entscheidungen treffen. Dass diese manchmal falsch sein werden, liegt auf der Hand, dennoch kann man nicht mehr tun, als sich nach bestem Wissen und Gewissen zu bemühen und sich intensiv mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Vorbedingungen

Als Jugendliche machte ich viele Erfahrungen mit dem Anreiten von Jungpferden, vorwiegend Trabrennpferde von der Rennbahn. Meine Begeisterung schwand zwar nicht, aber die Zeit und Möglichkeiten dafür.
2019 war der für mich richtige Zeitpunkt, mir den Wunsch eines eigenen Jungpferdes zu erfüllen. Da ich mir den Luxus leisten wollte, es mir so einfach wie möglich zu machen, fiel die Entscheidung, ein möglichst wenig vorbelastetes Pferd zu nehmen. Es sollte nicht die gesundheitliche Bürde einer Rennsportkarriere hinter sich haben, sondern unverbraucht aus Züchterhand kommen. Wider Erwarten war es gar nicht so einfach, ein "rohes" (völlig unausgebildetes, also noch nicht gerittenes) Pferd über diverse Verkaufsplattformen zu finden. Die Suche wurde auf ganz Europa und schließlich neben den Dressurveranlagten auf alle leichteren Warmblut-Stuten ausgeweitet.
Die Farbe war mir eigentlich egal, ich wollte nur nicht unbedingt weiße Füße/Hufe haben, da das eventuell ohne Beschlag noch etwas schwieriger sein könnte. Von der Figur sollte sie zu mir passen - nicht zu klein, am Besten 1,65m+ und vom Typ her eher zierlich und vor allem bewegungsfreudig :)
Dem entspricht das klassische Dressurpferd ohnehin nicht ganz so, diese sind zumindest im trainierten Zustand schwerer, da einfach muskulöser.
Schließlich fanden wir dann das Richtung Springen gezüchtete dreijährige Fuchsmädchen in Sachsen/Deutschland. Wir tauften sie auf den Namen "Anela" und Mitte April durfte sie dann in ihre neue Herde im Wienerwald, Nähe Hagenbachklamm, ziehen.

Haltung

Für mich war immer klar, dass auch ein "Sportpferd" in einen Offenstall soll. Damit hat sie "echte" Freizeit, wenn ich nicht mit ihr gerade trainiere und kann sich mit ihren vierbeinigen Freunden weitestgehend frei bewegen. Gerade in den ersten Jahren, wenn sie körperlich noch im Aufbau ist und nicht so sehr ausgelastet wird, ist mir das nochmal wichtiger.
Sie kennt Box wie Sommerweide aus der Aufzucht und ist in der Herde bis jetzt sehr verträglich.
Was ihr sichtlich noch schwerer fällt, sind anspruchsvolle Bodenbedingungen. Die Hufe müssen sich erst langsam an die Mischung aus Sandboden, Paddockplatten, Steine, Schotter, Asphalt und Naturboden gewöhnen und auch mit rutschigem Boden, steilen Passagen und Baumstamm-Hindernissen muss sie erst lernen, zurechtzukommen.
Bei uns gibt es 24h qualitätsvolles Heu und über den Futterautomaten (deshalb sieht man auf den Fotos den in der Mähne eingeflochtenen Chip) etwas Hafer als Bewegungsanreiz für das Rundengehen im Stall.

Die ersten zwei Monate - erstes Kennenlernen, Aufbautraining

Ich kann schwer beurteilen, ob das "normal" ist oder ein wenig Glück, aber sie macht es mir besonders leicht. Der Züchter hat hervorragende Arbeit bezüglich der Grunderziehung geleistet - sieht man von anfänglichen Versuchen, den neuen Besitzer hinsichtlich seiner Konsequenz zu testen, ab, so klappte das Führen (sogar von beiden Seiten und selbst im Gelände nur am Stallhalfter!) mit großem Respekt dem Menschen gegenüber, nahezu perfekt. Hufegeben (selbst beim Ausschneiden mit etwas längerer Dauer) kein Problem. Das Pferd wurde uns mit der Beschreibung "sie kann nix" verkauft, in Wahrheit ist hinsichtlich Ausbildung aus meiner Sicht alles perfekt gelaufen. Verladen kannte sie ebenso wie etwas Longieren (ohne Hilfszügel). Das ist exakt soviel, wie ich mir bei einem Dreijährigen vorstelle. Ein Mehr wäre zuviel und ein Weniger unter Umständen im weiteren Verlauf etwas schwieriger.

In den ersten Wochen gab es so viele "erste Male" für uns. Das Kennenlernen der Regendecke (sie ist ziemlich eine Erfrorene), das Abspritzen mit dem Wasserschlauch, das Antraben an der Hand, das Spazieren und Laufen im Gelände (auch ohne zweites Pferd), Meistern anspruchsvoller Bodenverhältnisse an der Hand. Weiters lernte sie neue Ausrüstungsgegenstände wie die gebisslose Longierzäumung, den Longiergurt, Satteldecke und scheppernde Dreieckszügel kennen. Auch die Aufstiegshilfe (eine klappernde Metall-Klappleiter) toleriert sie inzwischen problemlos und bleibt stehen, während man sich auf den Rücken lehnt.
Sie durfte den Stall inklusive der Bewohner langsam kennenlernen und wurde nach und nach in die Herde integriert.
Nach anfänglichen Spinnereien beim Halfter-Runtergeben haben wir das gesittete Kopfsenken auf Kommando etabliert. Weitere Stimmhilfen beim Longieren kamen dazu.

Trainingsmethoden

•  Hilfengebung vom Boden aus (seitliches Nachgeben auf Zügelzupfen, später schon leichte Anlehnung an den Außenzügel beim Führen von hinten im Schritt und Trab, Vorhand- und Hinterhandwendung, Schulterherein, Kleeblatt im Schritt, Zurückweichen (wenig gemacht, da sehr respektvoll dem Menschen gegenüber, "Kopieren" der Menschenbewegung - Halt-Schritt-Trab)
•  Dualgassen (Führung der Bewegung, erzwungener Wechsel zwischen Biegung und gerader Bewegung, Vertrauensbildung und Gehorsamkeitstraining)
•  Cavaletti in Schritt und Trab (bis zu 3 hintereinander)
•  Longieren und "freies" Longieren ohne Longe (auf halbierter Reitbahn)
•  Freispringen (ein Kreuz aus Trab und Galopp von beiden Seiten, Distanzfindung)
•  Gehen und Laufen im Gelände an der Hand, "Baumcavalettis", rutschiger Untergrund, bergauf-bergab, Queren von Wasser, Führen auf beiden Händen und von hinten
•  Begrenzung des Halses als Balancierhilfe durch lang verschnallte Dreieckszügel an gebissloser Zäumung ("Flower-Hackamore" ohne Hebelwirkung genutzt)

Bei all der Vielseitigkeit ist es die Herausforderung, die einzelnen Elemente zur entsprechenden Festigung auch zu wiederholen. Glücklicherweise konnte ich da durch die regelmäßige Arbeit aus meiner Sicht ganz gut die Balance finden und die Neugier des jungen Pferdes gut nutzen.
Pausen kamen auch nicht zu kurz, konkret waren das vier Tage nach der ersten Kennenlernwoche, eine Woche nach drei Wochen und zwei Wochen nach zwei Monaten.

Ziele vor der Sattelanpassung

•  Gegenseitiges Kennenlernen und Vertrauen aufbauen (Einschätzen von Interesse, Ängstlichkeit, Belastbarkeit)
•  Konditions- und Kraftaufbau
•  Balancefindung (im Schritt und Trab auch in etwas engeren Wendungen)
•  Bewahrung der positiven Grundhaltung dem Menschen gegenüber, Motivation

Beurteilung

Ich würde Anela als extrem menschenbezogen mit einer freundlichen und motivierten Grundhaltung beschreiben. Sie testet hie und da schon an, ob man wirklich weiß, was man tut, fügt sich aber schnell.
Bei Aufregung wird sie kaum panisch und Stress baut sie sehr schnell ab. Selbst bei Hitze ist sie sehr gehfreudig, umgekehrt ist sie auch bei Kälte, Wind und ohne Vorermüdung stets regulierbar.
Ihr Springpotenzial zeigte sie bereits bei einem kleinen Missverständnis - am Tag nach dem Freispringen sollte eine 1,60m hohe Absperrung eigentlich einen Longierzirkel begrenzen, sie nutzte es zum "lockeren" Drüberspringen. Bei Cavalettis hingegen hat sie noch Schwierigkeiten, die Distanzen zu treffen. Überredungskünste sind selten notwendig, obwohl die Anforderungen schon sehr vielfältig waren.
Die deutliche Schiefe ist vor allem beim Angaloppieren rechts und beim Weichen nach außen über die Schulter auf der rechten Hand erkennbar. Prinzipiell fällt ihr das Übertreten aber aufgrund der Lockerheit und Beweglichkeit sehr leicht.
Das Gangvermögen ist jetzt sicherlich nicht auf dem Level eines Top-Dressurpferdes, wird sich aber hoffentlich noch durch Training etwas verbessern lassen. Ich denke, wenn sich die Hufe gut an die neuen Gegebenheiten angepasst haben, wird das auch nochmal lockerer. Die Bewegungen sind eher unaufwändig und schnell anstatt erhaben und schwungvoll. Dies ist ökonomisch, aber eben nicht elegant. Für meine derzeitigen Ansprüche ist das von eher geringerer Relevanz.
Die Anlehnung mit Hilfe der gebisslosen Zäumung fällt ihr sehr leicht, der ausreichende Vorwärtsdrang und der flexible Hals lässt sie den Druck vertrauensvoll annehmen. Ich freue mich jetzt schon darauf, das beim Reiten zu erleben :)

Motivation

Ich hatte eigentlich nie Springambitionen, aber mir ist es wichtig, Anela vielseitig auszubilden. Mein Schwerpunkt ist schon das Dressurreiten, aber vielleicht entwickeln wir uns beide noch ein wenig Richtung Springen. Eine gute und erfahrene Trainerin speziell dafür hätten wir jedenfalls im Stall :)
Aber bis dahin ist es ohnehin noch ein weiter Weg.

Zeitplan

... gibt es keinen :)
Aber im Juli kommt der Sattler, ein erstes Aufsitzen ist somit noch im Sommer geplant. Sie ist derzeit nicht im Wachstum, was sich jederzeit ändern kann - aber die richtigen Muskeln zum Tragen bekommt ein Pferd eben nur, wenn auch jemand oben sitzt.
Mit Hilfe genauer Trainingsaufzeichnungen versuche ich, jegliche Überforderung zu vermeiden.
Prinzipiell beherrscht sie aber bereits alles, was für ein erstes Anreiten von Nöten ist. Im Weiteren Aufbau wird man vor allem auf die körperliche Entwicklung Rücksicht nehmen müssen und die ist eben so gar nicht planbar.

Wochenaufbau

Meist bin ich zwischen 4 und 5 Mal pro Woche im Stall, allerdings gibt es eben auch reisebedingt immer wieder einige Tagen oder sogar Wochen Pause. Das ist für die physische und psychische Entwicklung sicher kein Fehler, man darf sich aber eben in dieser Zeit auch keine Fortschritte erwarten (außer beim Hufwachstum ...).

•  Meist 4mal/Woche wurde vom Boden aus trainiert (z.B. als Aufwärmen vor der körperlichen Anstrengung),
•  zusätzlich 1-3mal Longieren, manchmal kombiniert mit Freispringen (aufgrund der Bodenverhältnisse bisher nur 2mal in 2 Monaten) oder Cavaletti (rund 2mal/Woche, teilweise auch im Gelände mit "Baumstamm-Mikado"),
•  statt des Longierens war ich besonders bei viel Regen und überschwemmten Viereck einfach im Gelände laufen oder zumindest spazieren.

Erwartungen

... habe ich jetzt keine "Ausgefallenen".
Ich war noch nie selbst aktiv auf einem Turnier und habe überhaupt nicht den Anspruch, im Reiten meinen Erfolgen im Ausdauersport gleichzuziehen. Wie sich Anela entwickeln wird, kann man nur erraten und ich selbst kann ja auch ein großer begrenzender Faktor sein - selbst, wenn sie das Potenzial zu großen Leistungen zeigt.
Mir ist wichtig, mich mit ihr auf lange Sicht leistungsmäßig weiterzuentwickeln, denn das ist es, war mir am Reiten Spaß macht. Mal nur durchs Gelände zu fetzen ist auch ganz schön, aber mich interessiert vor allem der zielgerichtete Trainingsaufbau und das methodische Überwinden von Problemen in der Entwicklung.
Anela soll wirklich fit sein und vor allem viele Jahre gesund bleiben und Freude an der Zusammenarbeit mit mir haben.

Video vom 2. Freispringen nach 2 Monaten