Anela - Biomechanik und Arbeit am Sitz - Herbst 2019

Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016

Nach vier Monaten des Zusammenwachsens und dem ersten Monat unter dem Sattel wollte ich mir einmal einen kompetenten Blick von außen holen.
Mir ging es darum, meinen autodidaktischen Reitstil und vor allem meinen Sitz überprüfen zu lassen.
Bisher hatte ich eher kritische Blicke zu meinem Tun eingeheimst - das kenne ich so aus dem Ausdauersport eigentlich nicht. Die positiven Bemerkungen zu Arbeitspensum und Bemuskelung stammen überwiegend vom Tierarzt und Hufschmied, wobei das ja auch schon viel wert ist - ohne Gesundheit gibt es schließlich kein Training. Dennoch habe ich dann den Tipp hinsichtlich Trainerin gerne angenommen.

Mir gehen keineswegs die Ideen aus, aber man sieht sich einfach nicht selbst. Was helfen all die guten theoretischen Überlegungen, wenn man dann seinen Körper zur Kommunikation mit dem Pferd nicht richtig einsetzt.
Ich glaube auch daran, dass man nie zu alt oder zu erfahren in einer Sportart ist, um seine Techniken zu hinterfragen. Nur so ist Weiterentwicklung möglich.
Ein Weltklassesprinter würde schließlich auch nicht die ständigen Videoanalysen der unterschiedlichen Phasen eines 100m-Laufs mit dem Argument "ich kann ja schon laufen" vom Tisch wischen ...
Warum sollte das also beim Reiten anders sein, nur weil man schon eine gewisse Erfahrung mitbringt.

Dennoch werde ich meinen eigenen Vorstellungen vom Training treu bleiben, immerhin hat es bisher sehr gut funktioniert und die Entwicklung muss auch keinem bestimmten - besonders eiligen - Zeitplan folgen.
Die Inputs von außen sind teilweise auch einfach nur eine Bestätigung dessen, was ohnehin schon passiert ist oder was ich noch vorhabe. Zweiteres ist ebenso hilfreich, denn wenn man sich seines Weges sicherer ist, wird man auch noch konsequenter dabei vorgehen!

Anela und ich sind momentan auf dem Level, dass nicht nur im Gelände alle Grundgangarten gut funktionieren, sondern auch am Reitplatz das Galoppieren auf großen Bögen bereits möglich ist. Sie bemüht sich redlich, meine Aufforderungen umzusetzen und lernt von Woche zu Woche besser, mit ihrem Körper umzugehen.
Manchmal mache ich es ihr noch ein wenig schwerer als es sein müsste, eben wenn ich unbewusst zu steif werde um sie zu bremsen und ich daher meinen eigenen Körper nicht mehr ideal zur Kommunikaton verwenden kann.
Ein zweites Augenpaar, das von unten nicht nur Reiter, sondern auch die Pferdebewegung gut beobachtet, hilft da schon immens.
Qualitativer, motivierender Unterricht ist nicht einfach zu finden und ich habe glücklicherweise derzeit die Möglichkeit, all diese Vorzüge zu nutzen.

Wichtig war mir auch die Toleranz gegenüber vielleicht "unüblichen" Ausrüstungsgegenständen wie der derzeit gebisslosen Zäumung und das Fehlen jeglichen Zeitdrucks.
Ich entscheide, welche Schwerpunkte ich setzen möchte und abseits der "Techniktrainings" gestalte ich den Trainingsaufbau ohnehin selbst.
Hilfreiche Werkzeuge für den Trainingsalltag, seien das konkrete Übungen für mich (im Kraftraum oder im Sattel) oder das Pferd (um dessen individuelle "Baustellen" zu verbessern), Visualisierungen oder auch die Überprüfung der Ausrüstung bekomme ich nach Bedarf von außen - genauso, wie ich es auch bei den LAUFanalysen handhabe (dort halt aus der anderen Perspektive :) ).
Ein Schüler, egal welcher Sportart, soll den Zweck einer Übung verstehen und vor allem, warum welche Übung in welcher Ausführung genau zu diesem Zeitpunkt jetzt hilfreich sein soll. Die Mitnahme dieser Werkzeuge in den Trainingsalltag ist für den Erfolg essentiell. Immerhin trainiert ein Läufer den verbesserten Bewegungsablauf idealerweise auch nicht nur einmal in der Woche beim Lauftechniktraining, sondern geht die individuelle "Checkliste" bei jedem Aufwärmen einmal kurz durch. Genauso muss jeder, der mit einem Pferd arbeitet und es weiterbringen will (egal, welches - möglicherweise deutlich unterschiedliches - Leistungslevel die beiden Partner aufweisen) in jeder Situation als Trainer auftreten und Konzept und Methoden im Hinterkopf haben, um sinnvoll zu arbeiten. Und Reiten ist um vieles komplexer als Laufen ... :)

Zuerst einmal war ich über das Lob zum gelungenen Anreiten sehr glücklich. Im Grunde kann man mit Anela jetzt schon richtig etwas "anfangen", sie ist so gut wie immer sehr motiviert und arbeitet sehr gut mit. Körperlich ist es so, dass ich sie inzwischen nur mehr mit sehr großem Aufwand müde bekommen würde, das Geländetraining und die kurzen Galopppassagen im Viereck haben ihr auch nochmal richtig Kraft beschert. Limitierend ist somit vor allem die Aufmerksamkeitsspanne - bei neuen Aufgaben wird sie noch rasch müde und entspannt dann in Pausen schnell.
War sie zu Beginn des Anreitens noch schüchtern und verhalten, so zeigt sie jetzt mit besserer Balance auch mehr Selbstsicherheit und packt gerne einmal den Turbo aus.
Das gilt es, in geordnete Bahnen zu lenken, ohne die Motivation zu untergraben - denn beim Reiten war bisher nie etwas böswillig.

Flegelhaftes Verhalten kommt schon auch vor, aber das sind dann eher wöchentlich neu entdeckte Marotten im Umgang, die man dann vom Boden aus konsequent klärt und die dann bisher auch rasch wieder vergessen waren.

Das Halten klappt jederzeit genausogut wie das Aufsteigen in Ruhe. Egal, ob sich parallel gerade drei andere Pferde mit Reiter und Trainer im Viereck tummeln oder gerade ein Parcour aufgebaut wird - Anela hat immer mindestens ein Ohr auf mich gerichtet. Ist sie körperlich ausgelastet, fällt ihr auch die Entspannung sehr leicht. Nur mit dem kühleren Wetter und durch meine Reisen bedingt etwas geringerem Bewegungspensum wurde sie teilweise recht fahrig - nicht nur beim Reiten. Dann will sie alles richtig machen und spult bisher Erlerntes ab, ohne auf Kommandos zu warten. Und wenn das zuletzt Erlernte das Galoppieren am Viereck war, dann ist es eine ganz schöne Herausforderung, erstmal klarzustellen, dass das nicht immer gewünscht ist :D
Genau da ist es extrem hilfreich, jemand Außenstehenden zu haben, der ein Auge darauf wirft, ob man selbst die Kommandos richtig gibt und nur die Reaktion noch nicht korrekt ist, oder ob man vielleicht durch die eigene Körpersprache das unerwünschte Verhalten verstärkt.

Dazu kommt, das Anela und ich beide eine natürliche Schiefe mitbringen (wie jedes andere Lebewesen auch).
Bei ihr ist es sogar überschaubar, wir sind bei der Geraderichtung (eine Lebensaufgabe) nicht so schlecht in Relation zum Alter unterwegs (das liegt aber sicherlich nicht rein an meiner Vorarbeit, sondern an den Vorraussetzungen, die sie mitbringt). Genauso wie manche Menschen mit Beinlängendifferenzen oder Schonhaltungen durch Verletzungen schiefer sind, als andere, ist die Einseitigkeit bei Pferden ebenso unterschiedlich ausgeprägt.
Bei mir selbst ist es so, dass ich leider eine leichte Beckentorsion habe - die Beckenschaufeln stehen nicht ganz symmetrisch zueinander. Somit muss ich etwas mehr Gewicht auf den linken Bügel bringen, um meinen linken Sitzbeinhöcker nicht mehr als den Rechten zu belasten.
Dazu kommt, dass ich durch beinlastige Sportarten wie Laufen und Radfahren, auch durch das Krafttraining, etwas zuviel Grundspannung im Beckenbereich mitbringe. Ich muss lernen, die Pferdebewegungen passiver mitzunehmen und insgesamt lockerer zu werden. Dies werde ich in mein bisher rein lauf- und radspezifisches Krafttraining mit aufnehmen - Lockerung am Pezziball, weiches Federn ohne Anstrengung.
Weiters habe ich viel Motivation für das Bearbeiten meiner Dauerbaustelle Rundrücken mitbekommen - dieser zieht sich durch all meine Sportarten und den Alltag (optisch wird das noch etwas durch den Rückenprotektor verstärkt, das täuscht glücklicherweise ein wenig). Vorteilhaft ist aber natürlich meine prinzipielle Koordinationsfähigkeit und Kondition.
Auch auf eine meiner Lieblingsübungen, die Kniebeuge, kann ich mich hier wieder berufen. Ihre einzige Schwäche ist hinsichtlich Verbesserung fürs Reiten in meinen Augen, dass man eben schon viel Spannung in den Beckenbereich bringt. Dafür aber lehrt sie eine gut ausbalancierte Haltung, man kann sich ja nirgends dabei anlehnen. Auf instabilem Untergrund schult es sicher noch mehr die reitspezifischen Fähigkeiten und zeigt auch gut die Dominanz einer Seite an. Wer eine tiefe Kniebeuge korrekt umsetzt, dem werden im Sattel wohl kaum Muskelverkürzungen zu schaffen machen. Die Arme sollen unabhängig von der Beinbewegung gehalten werden können - am Besten in unterschiedlichen Variationen, etwa auch in der Reißkniebeuge.
Wer in die tiefe Hocke geht, muss auch sein Becken aktiv nach vor und zurück kippen können - um bei höherer Last dann auch das leichte Hohlkreuz stabilisieren zu können. Diese gute und feine Ansteuerung der Beckenkippung ist enorm wichtig.

Generell liegt mir dieser feinfühlige Ansatz sehr, auch das Ziel der rein impulsartigen Hilfen - also kein anstrengendes Dauergequetsche am Pferd, sondern ein gewisser Energiesparmodus beim Reiter. Das entspricht auch den Ansätzen von für mich beachtenswerten Ausbildern wie Ingrid Klimke oder Uta Gräf, wobei die wohl kaum zum Unterricht in der Wienerwald kommen werden :D

Speziell hinsichtlich des noch sehr jungen Ausbildungsalters soll ich Richtungsänderungen und -vorgaben noch deutlicher durch Rotation um meine Wirbelsäule anzeigen - also äußeres Becken und äußere Schulter weiter nach vorne als die innere Körperhälfte, gleichzeitig verstärkter Bügeltritt innen. Im Gegensatz zu manchen durch Konditionierung erlernten Kommandos (etwa dem Vorwärtsgehen auf Druck der Wade) funktionieren manche Gesten ganz ohne Erklärung und intuitiv, somit von Anfang an - sie sind einfach logisch für das Pferd. Ich glaube nicht an Seelenverwandtschaft und Telepathie, aber an Visualisierungen und dadurch veränderte Körperspannungen, mit welchen man sehr gut kommunizieren kann. Ein Pferd spürt eine Fliege auf der Haut, also kann ich mit meinen 52kg durch Körpersprache auch im Sattel einiges ausdrücken.

Leider wird uns trotz all meiner Vorsicht ein größerer Ausrüstungswechsel im Bereich des Sattels bevorstehen. 
Wie auch selten das erste Rennrad gleich die richtige Rahmengröße hat, so hat es mich jetzt bei diesem Thema auch wiederum erwischt. Beratung von außen ersetzt einfach nicht das eigene Wissen und das immer fortwährende Reflektieren.
Aber auch das richtige Material gehört zum Erfolg letztendlich dazu - vor allem, wenn es um die Gesundheit geht!

Zuletzt noch die Playlist auf Youtube (mit dem Button rechts von "Play" gelangt man zum jeweils nächsten Video, alternativ findet man alle Videos 
HIER.)

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