Anela - Das erste Aufsteigen - Sommer 2019

Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016

Auch, wenn es eigentlich nur die logische Fortsetzung des dreimontigen Training vom Boden aus darstellte, so ist das erste Aufsteigen in der Jungpferdeausbildung doch immer ein klein wenig ein besonderer Moment :)

Anreiten - wann und wie?

Anela ist knapp dreijährig zu uns gestoßen und anfänglich gab es die Überlegung, unser zukünftiges Pferd zum Wachsen und Reifen noch über den Sommer auf eine Alm zu stellen. In Kühtai in Tirol konnten wir das ja jetzt schon zweimal beobachten (2018 und 2019), wie gut den Pferden die wirklich völlige Freiheit tut und wie anspruchsvoll der Untergrund ist - und damit sehr wertvoll für die motorische Entwicklung.
Mehrere Gründe ließen uns die Pläne verwerfen. Zum Einen war das Frühjahr für die Integration in die neue, kleine Herde ideal, es sollten dann jetzt nach ein paar Wechseln im vergangenen Halbjahr längere Zeit keine Veränderungen anstehen. Weiters war unsere Stute in der Zeit nach dem Kauf zwar im Zahnwechsel, nicht aber im Wachstum (was sich jederzeit ändern kann) - eine körperlich benötigte Pause war somit nicht nötig. Nach der Übersiedelung von Sachsen nach Niederösterreich stellte sich zudem heraus, dass unser neues Familienmitglied äußerst kälteempfindlich war - obwohl sie in den vergangenen Sommern durchaus auf großen Sommerweiden in der Gruppe ohne Unterstand aufwachsen durfte. Die "echte" Robusthaltung im alpinen Raum ohne jeglichen Unterstand oder gar Decke wäre wahrscheinlich eher Tierquälerei als Erholung. Da bin ich durchaus zu naiv an die Sache herangegangen - Pferd ist nicht gleich Pferd und die natürliche Selektion wurde in den letzten Jahrtausenden durch den Menschen deutlich beeinflusst. Ich bin gespannt, wie gut sie sich in Zukunft auch an rauheres Klima anpassen wird.
Natürlich ist es dann so, dass man mit seinem neuen Pferd auch etwas machen möchte und nicht nur in der Gruppe beobachten. Das sind natürlich egoistische Gedanken, aber jedes Haustier, das wir uns halten, erfüllt eben auch einen gewissen "Nutzen". Wir geben viel Geld für die Partnerschaft mit einem Tier aus und das nicht rein aus Selbstlosigkeit. Für mich ist es wichtig, dass unser Pferd ein glückliches und zufriedenes Leben hat, aber ja, ich reite einfach auch sehr gerne und zu diesem Zweck ist Anela eben auch gekauft worden.
Ich habe mich sehr viel in das Thema "Anreiten" eingelesen, eben auch hinsichtlich des richtigen Zeitpunktes.
Das Pferd ist von der Natur her nicht direkt zum Reiten geschaffen, wurde dafür aber über inzwischen Jahrtausende vom Menschen gezüchtet und entsprechend selektioniert. Das bedeutet dennoch nicht, dass ein Pferd mit den richtigen Muskeln zum Tragen auf die Welt kommt, diese müssen erst sukzessive auftrainiert werden.
Ein Pferd mit drei Jahren ist mit einem Teenager vergleichbar, der noch mitten in der geistigen und körperlichen Entwicklung steckt. Das Wachstum dauert noch einige Jahre an. Es ist also durchaus üblich, dass Pferde noch während des Wachstums angeritten werden. Das ist vergleichbar mit gezieltem Krafttraining eines heranwachsenden Leistungssportlers. Da tauchen natürlich einige Fragen auf und es kursieren sehr widersprüchliche Meinungen dazu. Mit meinen bisherigen Erfahrungen mit Jungpferden und auch der Trainingserfahrung aus meiner Ausdauersportkarriere, ergänzt durch diverse wissenschaftliche Arbeiten habe ich mir dann mein eigenes Bild gemacht - darum kommt man ohnehin nicht herum. Am Ende sollte man Entscheidungen bewusst treffen, sich bewusst sein, dass auch Fehler passieren, diese aber möglichst frühzeitig erkennen.

Ich vergleiche das Anreiten eben mit dem Krafttraining eines Heranwachsenden:
•  Sollte man frühzeitig mit spezifischem Training beginnen? Ja, aber nicht ausschließlich, Vielseitigeit bleibt wichtig, um Risiken (Verletzungen, früher Verschleiß, Motivationsverlust) zu minimieren. Die Dosis macht das Gift! Fünfmal pro Woche von null weg eine Stunde zu reiten wird für ein dreijähriges Pferd nicht passend sein, umgekehrt entstehen die für das Tragen eines "Rucksacks" wichtigen Muskeln eben nur beim Tragen desselbigen.
•  Bewegungsqualität ist das Um und Auf. Eine Kniebeuge mit schlechter Haltung und zuviel Gewicht ist schlecht für den Bewegungsapparat, genauso wie das Reiten eines Pferdes mit durchhängendem Rücken. Je besser die Technik und die körperliche Grundkonstitution, desto schneller wird die Belastung steigerbar sein - innerhalb natürlicher Grenzen.
•  Konzentrationsfähigkeit und Motivation kann vom Boden aus geschult werden, auch diverse Kommandos können hervorragend vorbereitet werden, damit sich später der Stress in Grenzen hält. Was ich aber in Frage stelle, ist, dass man mit ausgiebiger Arbeit an der Hand (hauptsächlich im Schritt) bei einem gut entwickelten Jungpferd, das den ganzen Tag freie Bewegungsmöglichkeiten in der Herde hat, relevante "Muskelmassen" und Tragemuskulatur entwickelt. Wer sich die Leistungsfähigkeit eines Pferdes ansieht, wird erkennen, dass es dem Menschen schwer fällt, da auch nur irgendwie körperlich mitzuhalten. Ich gebe schon mein Bestes, indem ich immer wieder mit Anela ins Gelände laufen gehe. Dazu kommt etwas Stangenarbeit und Freispringen und ein wenig Longieren (Letzteres baut zwar sicherlich toll Kondition und Kraft auf, übertreiben sollte man es in meinen Augen aber aufgrund des doch ungewohnt kleinen Kreises und der damit auftretenden Belastungen für den Bewegungsapparat dennoch nicht). Diese Vielseitigkeit lässt einen auch am Besten herausfinden, was dem Pferd am Meisten Spaß macht - und das ist natürlich Grundbedingung für einen langfristigen Leistungsaufbau!
•  Üblich ist es, Pferde um den dritten Geburtstag herum anzureiten - von Züchterseite aus finanziellen Überlegungen heraus oft schon mit 2,5 Jahren, im Freizeitbereich meist eher um die 3,5 Jahre. Etabliert hat sich auch, Pferde anzureiten und dann nochmal für ein halbes Jahr "wegzustellen". Prinzipiell ist das keine schlechte Idee, aber mein Hintergedanke dabei ist auch, dass dieses Wegstellen zumindest aus mentalen Gründen gar nicht nötig sein sollte - weil man langsam genug und mit dem richtigen Feingefühl aufgebaut hat. Anders sieht es natürlich aus, wenn Wachstumsprobleme dazwischenkommen und das Pferd plötzlich einen total ungünstigen Körperbau (hoffentlich nur temporär) aufweist, mit dem es erst einmal lernen muss, zurecht zu kommen. Das kann aber auch noch später als mit drei Jahren passieren.
•  Gegen Ende der ersten Aufbauphase (nach 2 Monaten) vom Boden aus hat sich schon gezeigt, dass eine Pause kein Fehler ist. Anela hat bis zuletzt willig mitgemacht, aber sie ist deutlich ruhiger, vielleicht auch etwas müder geworden. Hitze und die teilweise auftretende Fühligkeit der Hufe (inzwischen verschwunden) haben sicherlich genauso dazu beigetragen, wie die vielen neuen Eindrücke beim Stallwechsel und die körperliche Entwicklung. Am Meisten Spaß macht es mir aber, wenn ich merke, dass das Pferd sehr neugierig ist und aufmerksam auf neue Lektionen wartet. Eine Pause zur richtigen Zeit ist also nicht nur für das Pferd angenehm, sondern verhindert am Ende Frustration auch bei einem selbst.
Timing ist also (fast) alles!

Sattelauswahl - welche Überlegungen?

Mein Hauptinteresse galt bisher dem Dressurreiten. Das sollte ohnehin die Basis für jedes Jungpferd sein - egal, was man später mit seinem Sport- und Freizeitpartner anstellen möchte. Die korrekte Körperhaltung, um das Gewicht tragen zu können und die feine Abstimmung der Kommandos sind Grundbedingung für alle Disziplinen und die Gesunderhaltung.
Viele Empfehlungen gehen dennoch in die Richtung, dass der erste Sattel kein Dressursattel sein sollte, da man da den Druck etwas punktueller ausübt (für die Feinabstimmung gewollt, für das noch untrainierte Pferd eventuell ein kleiner Nachteil). Da ich mich selbst allerdings im Dressursattel am Wohlsten fühle, nicht allzu schwer bin und den Sattel nicht als Übergangslösung, sondern zur Dauerverwendung angedacht habe, entschied ich mich dennoch dafür. Moderne Sättel sind angeblich gut anpassbar, sodass bei regelmäßigem Umpolstern hoffentlich kein Neukauf von Nöten sein sollte.
Falls ich irgendwann dennoch in die Welt der Vielseitigkeit hineinschnuppern sollte, kann ich mir dann immer noch einen Springsattel dazu kaufen.
Die erste Zeit über werde ich ohnehin nur für einen kleinen Teil des Trainings tatsächlich am Pferd sitzen und hoffentlich ein gutes Auge und Bauchgefühl hinsichtlich Erschöpfung und dem richtigen Zeitpunkt des Aufhörens haben.

Die Sattelanpassung an sich war verhältnismäßig unspektakulär. Anela wusste aus den vergangenen Monaten schon, dass alles, was ich auf ihren Rücken lege, harmlos ist und nicht schmerzt. Probereiten war natürlich nicht möglich, aber die Beurteilung der unterschiedlichen Modelle im Stand und in der Bewegung. Den Gurt um den Bauch kannte sie bereits vom Longieren, Satteldecke ebenso. Neu war bloss das zusätzliche Gewicht und die größere Auflagefläche am Rücken.
Viele arbeiten auch mit herunterhängenden Steigbügeln oder Sandsäcken, um das Pferd zu desensibilisieren. Obwohl das oft hervorragend funktioniert, sagt hier mein Kopf und Bauchgefühl, dass das in der Bewegung bestimmt unangenehm ist und eigentlich möchte ich, dass sie auf leichten Druck mit meiner Wade mit Schnellerwerden reagiert. Da soll sie nicht darauf abgestumpft werden. Das Risiko, dass sie sich erstmal ein wenig schreckt, wenn ich zum ersten Mal obensitze und sie mein Bein spürt, nahm ich in Kauf. Ich war aber guter Dinge, dass das nicht passieren würde - und behielt schließlich Recht.
Viele Wege führen zum Ziel. Hoffentlich meiner auf lange Sicht ebenso :)

Mit Trainerunterstützung?

Man liest sehr viel über das Anreiten von Jungpferden und auch oft, dass man das unbedingt dem Profi überlassen sollte. Ich bin sicherlich keiner, zumindest nicht in jenem Sinne, dass ich damit Geld verdiene. Dennoch habe ich Erfahrung damit und ob es in einem weiteren Fall funktioniert, weiß man immer erst hinterher mit Bestimmtheit.
Umgekehrt gibt es aber auch viele Negativbeispiele von eben professionellen Bereitern. Das liegt nicht zuletzt oft an der Erwartung der Besitzer, um womöglich noch kleines Geld nach wenigen Wochen ein "fertiges" Reitpferd zu haben (damit wird meist die Händelbarkeit in allen drei Grundgangarten durch einen durchschnittlichen Reiter erwartet). Das mag funktionieren, wenn sich das Pferd rasch auf die neue Umgebung einstellt, schnell einen guten Draht zum Profireiter aufbaut, gute körperliche Vorraussetzungen hat und auch mental gerade in einer "guten" Phase ist.
Meine Erfahrung ist aber, dass es am Besten funktioniert, wenn man keinen Zeitplan oder -druck hat. Auch Entwicklungsschübe sind schwer planbar. Das sind sicher alles Gründe, warum viele Pferde mit einem nicht so guten Start ins Reitpferdeleben vom Beritt zurückkommen.
Alternativ kann man natürlich selbst mit Trainerunterstützung oder in Kombination mit mehr oder weniger regelmäßigem Beritt zu Hause beginnen. Das ist sicherlich ideal, wenn man sich selbst unsicher ist und zusätzlich einen guten (!) Trainer, dem man vertraut und der dasselbe Konzept wie man selbst verfolgt, zur Hand hat.
Ich habe mir ein noch rohes (also ungerittenes) Pferd gewünscht, weil ich genau diese Schritte eben selbst in die Hand nehmen wollte. Das bedeutet nicht, dass ich mir keine Inputs hole - aus der Literatur, mittels Internet-Videos und auch von Personen in der Stallumgebung, welche bei dem einen oder anderen Thema mehr Wissen und/oder Erfahrung haben als ich (das gilt nicht nur fürs Reiten, sondern auch für Themen wie Hufe, Ausrüstung, etc.). Schlussendlich gibt es aber eine Vielzahl von Meinungen und Wegen, aus welchen man auswählen muss. Das Gesamtpaket muss passen. Legt Trainer A viel Wert auf Gymnastizierung durch Seitengänge, bevorzugt Trainer B vielleicht mehr Stangenarbeit. Beides mag in sich schlüssig sein, kombiniert in jeweils unverminderter Intensität kann das aber verwirrend und körperlich wie mental überfordernd sein (das ist jetzt ein sehr triviales Beispiel, aber für mich dennoch schlüssig). Zudem ist das Pferd auch in jungen Jahren schon ein sehr guter Lehrmeister - beobachtet man die individuellen Vorlieben, kann man sich sehr viel Mühe ersparen. Manches klappt fast wie von selbst, wenn man das eigene Pferd gut kennt und die intrinsische Motivation ausnutzt. Ein externer Trainer kann wertvolle Ideen liefern, aber am Besten kennt man wahrscheinlich selbst das eigene Pferd.
Ich halte es somit mit diesem Thema erstmal genauso wie im Ausdauersport - ich habe keinen "eigenen" Trainer, ich bin der Trainer des Pferdes. Aber ich hole mir sehrwohl Anregungen von außen, insbesondere dann, wenn ich das Gefühl habe, bei einem Thema noch zu wenig zu wissen oder mit meinem bisherigen Werkzeugkasten nicht weiterzukommen.
Später, wenn es um Bereiche geht, wo ein geschultes Auge von außen essentiell wird und ich mit dem Thema keine eigenen Erfahrungen habe (etwa beim Springen), werde ich auf alle Fälle vermehrt auf Trainerinput von außen Wert legen - da traue ich mich alleine einfach nicht drüber. Auch am eigenen Sitz sollte man laufend und intensiv arbeiten.

Beurteilung

Ich denke, das Video zeigt ausreichend gut, dass der Weg bis zum ersten Aufsteigen gepasst hat und alles stressfrei (zumindest für das Pferd, wir waren beide sehr aufgeregt ...) verlaufen ist.
Wer Rodeo erwartet, muss sich nach anderen Videos umsehen :)

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