Anela - Eintrag VI - Sommer 2020 - Ein Jahr mit Pausen unterm Sattel

Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016

Unser Frühjahr war leider ein wenig durchwachsen, da die jugendliche Selbstüberschätzung zu einem klassischen Alleinunfall "Anela vs. Zaun" geführt hat. Der Sturz auf die rechte Beckenseite hat sie soweit in Mitleidenschaft gezogen, dass über ein Monat nur tierärztlich überwachtes Rehaprogramm möglich war. Der anfangs vermutete Muskelfaserriss war höchstwahrscheinlich doch eine Schwellung des Beckenkamms, die sich gut zurückgebildet hat, beziehungsweiche gut verwachsen ist. Der M. tensor fasciae latae (den haben wir Menschen auch, da führt er bei Verspannungen gern zum gefürchteten ITBS ("iliotibiales Band-Syndrom"), auch "Läuferknie" genannt), der beim Pferd sehr groß und ein wichtiger Kniestrecker (!) ist (also anders als beim Menschen) hat seinen ursprünglichen Tonus wieder und weist keine Konturunterbrechung auf. Er muss nach der mehrwöchigen Schonphase aber wieder ordentlich Kraft aufbauen.

Anela ist derzeit links hohl, biegt sich also auf der linken Rumpfseite leichter als rechts (theoretisch kann das bei so einem jungen Pferd auch noch wechseln, meist ändert/mindert sich aber nur die Ausprägung dieser natürlichen Schiefe im Verlauf der Ausbildung). Was diese "Händigkeit" betrifft, hat uns der Unfall ganz schön zurückgeworfen und ich musste erstmal das rechte Hinterbein wieder unter den Schwerpunkt bekommen. Im Rehatraining an der Hand und im Schritt gelang mir das nach und nach recht gut, die größten Fortschritte haben wir aber gemacht, sobald vom Tierarzt das OK zum Reiten da war und sie auch wieder zurück in die Herde durfte. Besonders das Geländetraining mit wechselndem, technischem Untergrund hat bei der Genesung nach dem Sturz extrem geholfen.

Insgesamt kann ich nun auf ein Jahr unterm Sattel zurückblicken - mit mehr oder weniger großen Pausen. Einmal gab es einen ordentlichen Wachstumsschub, der sie körperlich bissl aus der Bahn geworfen hat, dann waren die Trainingsmöglichkeiten über den Winter wegen des fast ein halbes Jahr andauernden Hallenbaus aufs Gelände beschränkt und schließlich ist uns nach neuem Aufbau dann der Unfall dazwischengekommen.
Nichtsdestotrotz haben wir - wie ich finde - die Zeit gut genützt. Es gab immer etwas Neues zu erlernen, selbst die Zeit der Reha hat einige Probleme ausgeräumt (ich denke da an die Feinabstimmung zwischen uns an der Hand aber auch die Gewöhnung an Licht-Schatten-Spiele am Hallenboden oder die Anwesenheit anderer Pferde während des Trainings). 

Spannend finde ich auch, wie unterschiedlich die Pferde sind und wie man sich aus Literatur und auch eigenen Erfahrungen zwar Werkzeuge holen kann, aber immer individuell schauen muss, was (besser) passt.
Zum Beispiel hatte ich ganz stark im Hinterkopf, dass viel Abwechslung für ein junges Pferd sehr wichtig ist. Dabei habe ich ein wenig den Wert der Routine vergessen. Große Fortschritte konnte ich oft erreichen, wenn ich einfach 2-3 Tage hintereinder mehr oder weniger dasselbe im Viereck abgefragt habe - dadurch kam einfach viel Ruhe ins Pferd und die Hilfengebung wurde feiner. Anela ist also im Moment eher ein Pferd, das am Besten bei (fast) täglichem Training läuft, wobei das zeitmäßig bei mir halt nicht möglich ist. Zudem muss eine gewisse Abwechslung auch sein, es geht mindestens einmal in der Woche in den Wald - meist einmal geritten mit auch dem einen oder anderen flotten Kilometer im Galopp. Das finde ich sehr wichtig.

Ein wenig herumprobiert habe ich auch mit unterschiedlichen Aufwärmphasen. An hektischeren Tagen funktioniert das Lockerwerden ganz gut über einen gleichmäßigen und ausreichend langen Galopp ohne viele Übergänge. Danach ist auch der Trab besser. Mit etwas Vorbelastung von den Vortagen ist das meist nicht nötig und ich kann gleich  konzentriert losarbeiten.
Die Schrittphase zu Beginn dient vor allem dazu, nochmal alle Ecken der Halle und veränderte Lichtbedingungen zu erkennen und zu akzeptieren, sowie die rasche Reaktion auf den treibenden Schenkel sicherzustellen (diese ist schließlich Bedingung für alles andere, Lenkung, Anlehnung, Biegung, ...)

Zuletzt noch die Playlist auf Youtube (mit dem Button rechts von "Play" gelangt man zum jeweils nächsten Video, alternativ findet man alle Videos HIER.)

Videobeschreibung zum Video "Nach einem Jahr unterm Sattel": Jedesmal, wenn die Kamera mit dabei ist, ist es ein wenig unruhiger (liegt sicherlich ein wenig an mir und der Erwartungshaltung, diesmal aber auch an zwei Stehtagen davor und dem Spielen der Herde um die Halle herum!).
Im Schritt verlange ich keine Beizäumung, die Sequenz ist vom Aufwärmen. Erst, wenn sie einen flüssigen Mittelschritt geht (im Video nicht zu sehen), lasse ich die Hand leicht stehen, damit sie sich herandehnt. Lieber bereite ich die Reaktion auf den vorwärtstreibenden und seitlich begrenzenden Schenkel vor (durch Zirkel verkleinern/vergrößern und dabei möglichst fleißig bleiben).
Im Trab wiederhole ich das Ganze gerne, da braucht es auch keine große Handeinwirkung, sie sucht sich inzwischen eine angenehme Anlehnung normalerweise von selbst. An einem entspannteren Tag, wenn sie mehr „vor der treibenden Hilfe“ ist, klappt das auch schon konstanter und sie ist weniger unruhig mit dem Maul.
Trab-Schritt-Übergänge waren lange recht schwierig, jetzt nach dem Unfall (Sturz durch Verheddern im Zaun) im Frühjahr ist es die Kunst, wirklich auch das rechte Hinterbein zum Tragen zu bekommen.
Im Galopp beginnt sie langsam, sich auch an die Hand zu dehnen, aber ich achte darauf, dass ich sie nicht zu früh "forme" – dafür ist der Galopp noch nicht gefestigt und balanciert genug (man sieht auch einmal den Gleichgewichtsverlust auf der rechten Hand recht gut, da musste ich „nachbessern“).
Angaloppieren ist bei ihr überhaupt kein Problem, einen guten Galopp zu halten fällt da noch schwerer. Daher habe ich einfach als spielerischen Versuch begonnen, einfache Galoppwechsel über wenige Trabtritte einzubauen und sie hat es sehr gut angenommen. Wenn so wie diesmal etwas zuviel „Gas“ vorhanden ist, kann man damit erstmal ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommen und danach noch in Ruhe austraben.
Prinzipiell habe ich viel Freude mit ihr, auch wenn man an manchen Tagen etwas Mühe hat, Ruhe ins Pferd zu bringen, sobald sie erstmal warmgelaufen ist :)


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