Anela - Eintrag V - Frühling 2020 - Wachstum und andere Veränderungen

Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016

Seit dem letzten Post war es jetzt eine Zeit lang ruhig um das Thema "Pferdeausbildung". Ich habe im letzten Sommer in einer recht stabilen Entwicklungsphase mit dem Anreiten begonnen und konnte dann im Herbst nach Wegfall der Trainingsmöglichkeiten am Viereck recht viel im Gelände machen. Kurz vor Fertigstellung der Halle gegen Ende des Winters hat sich dann ein plötzlicher starker Wachstumsschub mit begleitenden Problemen eingestellt. Anela konnte nicht mehr galoppieren, vor allem rechts nicht, teilweise nicht einmal den Kopf heben. Rund um ihr ISG (Iliosakralgelenk, das haben Menschen auch als Verbindung zwischen Wirbelsäule und Hüfte) war alles komplett verspannt. Das lag wohl daran, dass sie innerhalb von 2 Wochen hinten im Hüftbereich 4cm hochgekommen ist, vorne aber nur 1cm gewachsen. Das verändert die Statik natürlich komplett.
Da bleibt dann nichts anderes übrig, als abzuwarten und dann nach und nach die Muskulatur wieder aufzutrainieren - zunächst einmal ohne Reitergewicht.
Glücklicherweise hat sich das alles rasch stabilisiert und Anela begann auch wieder, mit ihren Pferdekumpels zu spielen. Nichts ist besser für das Wiedererlernen der Feinmotorik nach einem Wachstumsschub als die freie Bewegung in der Herde. Auch, wenn einem manchmal Angst und Bange bei Zuschauen wird und man um die Gesundheit der Beine fürchtet, so ist diese Ungezwungenheit beim Herumtollen enorm wichtig.
So hat sich ohne gezieltes Training die Fähigkeit zum Galoppieren wieder ganz von alleine eingestellt und das Reittraining konnte auch sukzessive und dosiert wieder aufgenommen werden - nun endlich in der neuen Reithalle!
Die Umstellung auf den deutlich tieferen Hallenboden soll auch sukzessive erfolgen, um keine Sehnenprobleme zu riskieren. Deshalb hab ich mich auch gegen allzu intensives Longieren entschieden und bin lieber nach 3 Wochen Reitpause wieder aufgestiegen - da kann ich die Bewegungen einfach besser dosieren und vor allem mehr Geradeaus dazunehmen. Das Training im Gelände pausierte ich zunächst, da es schon eine Viertelstunde zum Wald braucht und nur auf der Straße wollte ich auch nicht unterwegs sein.

Im April ist es ein ganzes Jahr, dass Anela und ich zusammenwachsen durften. In dieser Zeit hat sich vor allem meine Meinung zu vielen Dingen recht grundlegend verändert :)
Man muss sich wohl zu vielen Themen mehrere Meinungen einholen und schließlich jedes Lebewesen individuell beobachten und jene Entscheidungen treffen, mit denen auch das eigene Bauchgefühl am besten Leben kann. 
•  Ursprünglich hab ich es abgelehnt ("Natur ist immer am Besten"), Anela zu beschlagen, inzwischen bin ich nach Ausflügen zum Klebebeschlag bei genagelten Kunststoffbeschlägen ("Duplos") gelandet. Diese sind zwar schweineteuer, bieten aber bis jetzt ein ziemliches Rundum-Sorglospaket. Natürlichkeit hin oder her, auf den gepflasterten und mit spitzen Steinchen geschotterten Böden spielt Anela einfach nur so lange, bis sie sich die Hufe bis zur Lederhautentzündung runtergeraspelt hat und liegt nachher nur herum. Das ist keineswegs Sinn und Zweck der Sache, sie soll sich gut und schmerzfrei bewegen können. Mit Hufschutz wachsen die Hufe entgegen der landläufigen Meinung sogar schneller - wohl, weil sie sich freiwillig mehr bewegt und das den Hufmechanismus unterstützt.
•  Das angebotete Futter mit 24h Heu aus Netzen ist über den Winter zu wenig. Die Haferration musste von 0,5 auf 1l angehoben werden (bei Arbeit füttere ich noch zusätzlich Sonnenblumenkerne zu), da sie in der weidefreien Zeit über den Winter wohl durch den Temperaturdruck in Verbindung mit der körperlichen Entwicklung trotz Training abgebaut hat. Zu dick ist nicht gesund, aber sie ist wohl eher schwerfuttrig und braucht die Energie und auch Substanz zur Regeneration und Muskelaufbau.
In der weidefreien Zeit gibt es zusätzlich Mineralfutter für die Muskulatur, da im Heu viele Vitamine durch die Lagerung verlorengehen. Eigentlich bin ich ja schon beim Menschen kein Fan von wahlloser Einnahme von Nahrungsmittelergänzungen, aber die moderne Pferdezucht hat wohl auch Pferde hervorgebracht, die unter kargen Bedingungen auch keine besonders guten Leistungen mehr erbringen können.
•  Dasselbe gilt für das Thema Eindecken. Pferde kommen theoretisch viel besser mit tiefen, als mit hohen Temperaturen zurecht und können die Körpertemperatur besser ohne Decke regulieren, als mit (da sie das Fell dann besser aufstellen können). Soweit die Theorie - in der Praxis aber ist Anelas Rücken unabhängig vom Trainingspensum bei nasskaltem Wetter komplett verspannt, mit Decke wiederum schwitzt sie nichtmal bei 15°C und sie ist schon vor dem Aufwärmen schön locker.
Mal sehen, wie sich das Winterfell über die nächsten Jahre entwickelt, aber sie profitiert deutlich mehr vom Eindecken, als ich geglaubt hätte.
•  Was kostet ein Pferd ... diese Einschätzung musste ich wohl am Stärksten überarbeiten ;)
Prinzipiell muss man natürlich sagen, dass das absoluter Luxus ist. Ich bin aber jetzt auch in einem Alter, wo ich nicht mehr "auf später" warten möchte. Ich hab in meinem Sport alles erreicht, was man nur erreichen kann und ich kann mich glücklich schätzen, dieses Level halbwegs zu halten und vielleicht meine Leistungen in den Einzeldisziplinen noch etwas auszubauen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass man am Rad verunfallt und vielleicht sogar im Rollstuhl landet oder gar nicht mehr ins Leben zurückkommt, besteht im Sport natürlich auch.
Deshalb hab ich nach meinem WM-Titel beschlossen, mir diesen großen Luxus "Pferd" von meinem Preisgeld zu erfüllen. Nach einiger Suche sind wir schließlich letzten Winter fündig geworden..
Wahrscheinlich ist es wie bei einem Kind, die Verantwortung und die Sorgen sind schlussendlich deutlich größer, als man es ursprünglich wahrhaben wollte. Aber natürlich sind auch die schönen Seiten sehr erfüllend. Was sicherlich von Nöten ist, wenn man für alle Eventualitäten gerüstet sein möchte, ist ein ordentlicher finanzieller Puffer. Die Kalkulation aus Einstellgebühr mal 12, Barhufbearbeitung, anfängliche Ausrüstungskosten und den einen oder anderen Impftermin waren völlig naiv angesetzt. Aufgrund des Hallenbaus hat sich die Einstellgebühr erhöht, der erste Sattel hat nicht richtig gepasst und wurde umgetauscht (auf Springen/Gelände) und durch einen Zweitsattel (Dressur-Maßsattel) ergänzt, der Tierarzt war doch öfters als gedacht vor Ort (im Endeffekt glücklicherweise alles harmlos, das weiß man aber erst hinterher ...) und der Hufbeschlag alle 1,5 Monate schlägt sich ordentlich nieder.
Das sind alles gesundheitsrelevante Posten, da ist jetzt keinerlei Luxus wie die neueste Deckenkollektion mit dabei. Ich hab selbst in meinem Sport genug unpassendes Material gehabt, falsche Rahmengröße beim Fahrrad, schlechte Schuhe ... ich will das nicht mehr und ich will vor allem keinem anderen Lebewesen das zumuten.
Pferde bemühen sich, auch unter widrigsten Bedingungen zu gefallen, sich nichts anmerken zu lassen, Leistung zu erbringen. Wenn ich aber sehe, dass sich Anela mit anderem Sattel oder mit Hufschutz einfach freier und freudiger bewegt, dann brauche ich nicht zweimal darüber nachzudenken.
•  Obwohl die Entwicklungsschritte bei einem Jungpferd anfangs viel größer sind, als ich es noch in meiner Hauptsportart erreichen kann, ist Anerkennung viel, viel schwieriger zu erleben. Es gibt so viele Möglichkeiten, sein Pferd auszubilden - das ergibt sich aus persönlichen Präferenzen des Besitzers, den Vorraussetzungen und Eigenheiten des Pferdes, der Bereitschaft, bisher Gelerntes zu hinterfragen und sich immer wieder neu zu reflektieren. Natürlich passieren auch Fehler und Weiterentwicklungen. Habe ich als Jugendliche die Sportreiterei noch völlig abgelehnt, war dann die "klassische Reitweise" mein absolutes Idealbild. Inzwischen sehe ich keine großen Unterschiede in der Qualität der Herangehensweise zwischen den unterschiedlichen Reitweisen und Philosophien, ich sehe nur gute und weniger gute Reiter, Menschen, die sich entwickeln und welche, die das nicht tun.
Mir liegen die blütrigen, schnellen, athletischen Sportpferde einfach am Meisten und diese sind gezielt für die "moderne" Sportreitweise gezüchtet und sie plagen sich etwas mehr mit den Anforderungen der "klassischen Reitweise". Eigentlich aber, geht man auf das Individium ein, sollten sich die Herangehensweisen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden - und dann ist es auch nicht nötig, jede Woche einen neuen Guru, der die Weisheit neu erschaffen hat, durchs Dorf zu treiben :)
Leider ist der Umgangston und die Toleranz bei allem, was mit Pferden zu tun hat (ich hab mir sagen lassen, es ist beim Thema Kinder nicht viel anderes ...), eher nicht so toll, besonders auch im (anonymen) Austausch im Internet.
Läuft alles gut und man verbringt eine schöne Zeit gemeinsam mit seinem Pferd, so lässt einen das relativ kalt. Aber sobald dann irgendwelche gesundheitlichen Wehwehchen auftauchen, fühlt man sich schnell schuldig und vom schlechten Gewissen geplagt. Das Meiste ist schlussendlich aber einfach nur Pech oder die normale Entwicklung.
Auch im Ausdauersport gibt es Neid und Missgunst, aber die Ergebnisse sind einfach leichter messbar. Wer als Erster im Ziel ist, hat gewonnen. Einzige Ausnahme stellt Unfairness, etwa durch Doping, dar. Aber beim Reiten kann man viel leichter Ergebnisse schlechtreden - egal, wie man es macht, es wird immer jemanden geben, der findet, das Pferd kann zu früh zu viel, oder einfach zu wenig, ist zu dick oder zu dünn, passt zum Reiter oder auch nicht, undundund. Deshalb trauen sich viele Amateure wie ich auch gar nicht mehr, realistische Videos zu posten. Komischerweise sieht man "die Profis an der Bande" nur im Geschriebenen im Netz, nicht aber auf Video oder gar in der Realität :D
Deshalb versuche ich da auch, meinen Mut zusammenzunehmen und die Entwicklung filmisch zu begleiten.
Fürs Selbstbewusstheit hab ich ja immer noch den Duathlon :D
(Das soll keinesfalls unzufrieden klingen, Anela muss in ihrem Alter noch nicht mehr können, als jetzt und ICH bin mit ihrer Entwicklung mehr als zufrieden, sie bereitet mir sehr viel Freude!)

Momentane Arbeitspunkte:
•  Vertrautmachen mit der Halle (und Wälzen nur auf Kommando ...)
•  Freiarbeit spielerisch, nebeinander Schritt, Trab, Galopp auf Kommando und ohne Strick
•  Rückwärtsrichten mit und ohne Begrenzung ohne Ausweichen nach rechts an der Hand und geritten und Antraben aus dem Rückwärts an der Hand (Tipp von der Physio, kommt mir eigentlich sehr früh fürs Jungpferd vor, fällt ihr aber leicht)
•  Schulterherein im Schritt an der Hand und beim Reiten mit und ohne Begrenzung
•  Viereck vergrößern/verkleinern im Schritt geritten
•  Anlehnung an den Außenzügel auf der linken Hand, Geraderichtung, Verhindern des Verwerfens im Genick, kurze Passagen in Konterstellung
•  Wiederaufnahme des Longierens über ein und mehrere Cavaletti zur Muskelaktivierung und Koordination in allen Gangarten sowie durch Dualgassen zur Schulung des Gleichgewichts, viele Übergänge, auch Halten und Rückwärts durch Dualgasse
•  Gelegentliches lockeres Ausbinden an der Longe zur Etablierung der korrekten Dehnungshaltung (nicht zu hoch, aber auch nicht zu tief! Adaption je nach "Tagesproblematik")
•  In-Outs in Bodennähe beim Freilauf, nach besserem Kraftaufbau nach der Wachstumsphase auch wieder das von Anela geliebte Freispringen
•  Takt Finden unterm Reiter, flüssiger Schritt, lockerer - nicht zu eiliger - Trab, leichtes Zulegen und Zurücknehmen, balancierter und regulierbarer Galopp, viel am zweiten Hufschlag
•  Verbesserung der Übergänge, vor allem Trab zu Schritt ohne Stocken, alles andere läuft schon recht gut und punktgenau
•  Gelassenheit auch nach dem Galopp, Abgewöhnen des "Anzackelns"
•  Gleichermaßen häufiges Angaloppieren wie auch längere Galoppphasen zum Finden des Gleichgewichts und des Rhythmus (Ersteres aber erst wieder, wenn insgesamt "mehr Ruhe" im Pferd ist!)
•  Nutzen der Ecken nach ausreichend Kraftaufbau, auch unterstützt durch Dualgassen
•  Wiederaufnahme Geländetraining
•  Stangenarbeit beim Reiten

Das Meiste ist Wiederholung und Festigung, maches haben wir nur im Gelände begonnen und soll nach und nach im "Sandkasten" abrufbar werden :)

Das Thema "Anlehnung" ("Formen von Hals und Pferdekörper") ist hier bewusst nicht aufgelistet, da sie sich das eigentlich recht gut von alleine "ganz nebenbei" holt.
Besonders im Gelände wird eindrucksvoll erkennbar, wie sehr Takt (=Rhythmus) und Losgelassenheit (=Entspannung) verknüpft sind, passt beides, kommt bei leicht anstehender Hand die Anlehnung zumindest phasenweise ganz von selbst.
Im Viereck war das schon ganz gut, in der noch "unheimlichen" neuen Halle ist Takt und Anlehnung noch nicht so sicher. Dazu kommt, dass sie durch das vermehrte Wachstum hinten leider etwas mehr Unterhals bekommen hat und insgesamt gerade etwas schwieriger in der Anlehnung ist, als schon gewohnt. Aber das kommt schon wieder.

Beim Video ist uns leider die Corona-Thematik reingegrätscht. Da gibt es nur einen einzigen Zusammenschnitt von einem eher schlechten Tag (sie war recht eilig, ich bin mit meinem Sitz zu "vorsichtig" und entlastend geritten) - ich habe mich dennoch der Ehrlichkeit halber zum Hochladen entschieden und jeweils die erste Phase jedes Teilbereichs zusammengeschnitten.
Im Sommer gibt es dann bestimmt wieder mehr Material.

Zuletzt noch die Playlist auf Youtube (mit dem Button rechts von "Play" gelangt man zum jeweils nächsten Video, alternativ findet man alle Videos HIER.)

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