Anela - Eintrag III - Herbst 2019

Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016

Gleich als Einstimmung habe ich einen Zusammenschnitt der ersten drei Monate unter dem Sattel:

Die erste Phase des Anreitens habe ich zeitlich ganz gut erwischt, denn ab Ende Oktober hatten wir dann aufgrund des vorgezogenen Baus der Reithalle kein Viereck mehr zur Verfügung. Zu dem Zeitpunkt waren wir zwar schon öfters (meist alleine) und in allen Gangarten im Gelände, aber nachdem nun auch vernünftiges Longieren und Freispringen sowieso wegfällt, bleibt halt vorwiegend nur mehr das Ausreiten - ergänzt durch etwas Bodenarbeit, gelegentliche Läufe und Spaziergänge mit Pferd an der Hand, sowie kurze Longierpassagen auf einem kleinen Hügel mit Erdboden im Offenstall.

Gerade beim Zusammenschneiden des Videos zur Entwicklung der ersten drei Monate unter dem Sattel geht mir dann als "Sandkastenliebhaber" das Reiten im Viereck doch ziemlich ab.
Die abwechslungsreichen Bodenverhältnisse, das viele Klettern im Gelände und vor allem die technischen Wurzelpassagen sind aber für die Pferdeentwicklung extrem wichtig. Anela hat seit dem ersten Aufsitzen nochmal vor allem vorne im Bereich des Widerristes angeschoben und dieses Wachstum fordert die Koordination immer wieder aufs Neue heraus.
Negativ am vorwiegenden Geländereiten (außer, dass MIR das Viereck abgeht!) sehe ich nur zwei Dinge: Zum Einen war es weitaus mehr Stress für Anela, es gilt einfach viel mehr neue Eindrücke zu verarbeiten - dies wurde allerdings von Mal zu Mal besser und ist natürlich auch ein sehr wichtiger Lernprozess. Der zweite Punkt ist, dass man etwas erfinderischer sein muss, um verschiedene Trainingsinhalte umzusetzen. Einerseits ist die Ablenkung viel größer und man muss selbst mit bereits etablierter Hilfengebung erstmal durchkommen. Dann lassen sich etwa Wendungen im Gelände einfach nicht so leicht und häufig wie am Viereck einbauen, auch auf die Bodenverhältnisse muss geachtet werden, wenn man etwa Stellung, Biegung und Anlehnung etablieren möchte.
Umgekehrt fällt einem Pferd mit großem Galopp im Gelände die Balance viel leichter als im 20mal40-Viereck.
Die Gehfreudigkeit ist ebenso ein wichtiger Punkt. Das hat sich bei Anela sehr entwickelt - war sie die ersten Wochen unter dem Sattel noch schüchtern und zögerlich, hat sie irgendwann die Bedeutung des Schenkels begriffen und mit den ersten Galopppassagen am Viereck hat sie ihren "Turbo" gefunden. Jetzt muss man das eher in geordnete Bahnen lenken - Motivation erhalten, aber nicht ins Rennen kommen lassen.
Im Gelände ist das nicht unähnlich - beim Wegreiten, vor allem in noch unbekannte Richtungen, ist sie sehr zögerlich und schüchtern, während sie auf bekannten Wegen gerne sehr zügig unterwegs ist und lernen muss, zu akzeptieren, dass auch ein lockerer Schritt abgerufen werden können muss.
Dafür habe ich das Glück, dass sie selbst in Schreckmomenten nicht zum Durchgehen neigt. Sie ist dann aufgeregt und "guckig", macht sich steif und fluchtbereit, denkt aber lieber noch einmal nach, anstatt sofort das Weite zu suchen. Das macht vieles deutlich einfacher.
Die Trittsicherheit hat sich bis jetzt schon extrem verbessert, sie kommt (selbst mit den etwas rutschigeren Klebebeschlägen) auch auf gatschigem Untergrund gut zurecht, Wasserquerungen und Abhänge sind genauso kein Problem wie technische Wurzelpassagen (ja, auch Pferde müssen das lernen :D Zumindest, wenn sie in Sachsen auf der flachen Wiese aufgewachsen sind ...).

Vom Reiten abgesehen stellt sie mich immer wieder vor neue Erziehungsaufgaben - ist sie in der Herde sehr rangniedrig, so versucht sie dem Menschen gegenüber immer wieder, ob sie nicht doch ein kleines Stückerl weiter gehen kann, als am Tag zuvor ...
Das führt dann zu absoluten Glücksmomenten an Tag 1, wenn man zum allerersten Mal am Viereck angaloppiert (lange habe ich überlegt, wie ich die Galopphilfe "erklären" soll, tatsächlich erschien sie einfach logisch und musste gar nicht groß durch die Stimme unterstützt werden ...) und an Tag 2 wird schon das Weggehen vom Hof (das schon gefühlte hundert Mal problemlos funktioniert hat ...) zu einer Riesendiskussion. Inzwischen haben wir auch dieses "Kleben" wieder abgestellt, auch das Treffen auf andere (fremde oder aus dem eigenen Stall bekannte) Pferde unterwegs und das Trennen von diesen ist (derzeit ...) überhaupt kein Problem.
Aber es wird definitiv nie fad mit einem jungen Pferd.

Man darf sich jedenfalls auch nicht davor scheuen, bei Bedarf wieder einen Schritt zurück zu gehen. Hat das Wegreiten vom Hof alleine schon geklappt und funktioniert es auf einmal nicht mehr, so überlege ich einfach, wie ich es beim ersten Mal gemacht habe. Ein neuerliches Erklären der Basis klingt zwar mühsam, aber in der Praxis geht es dann viel schneller als bei wirklich neuen Inhalten. Im konkreten Fall hat mich Stefan dann einfach wieder als Führperson von unten unterstützt, ganz wie zu Beginn. Jedes Kräftemessen sollte man vermeiden, das Pferd wiegt einfach 10mal soviel wie ich und ohne Eigenmotivation geht es ohnehin nicht. Umgekehrt darf man aber auch keine Kleinigkeit (die einen stört) durchgehen lassen, ansonsten wuchert das bei so lernfähigen Pferden sehr schnell aus und dann streitet man mehr als unbedingt nötig gewesen wäre.
Unterwegs abzusteigen und an "Furchtobjekten" vorbeizuführen ist mir auch als gute Idee vorgekommen. Gut gemeint hat es aber dann dazu geführt, dass viel mehr Dinge "schrecklich" waren, als noch zuvor und das Absteigen anscheinend als Belohnung für die "Aufmerksamkeit" gedeutet wurde. Inzwischen gebe ich Anela lieber ein paar Sekunden mehr Zeit, lasse die Neugier siegen und bleibe beharrlich. Meist wird die Schüchternheit dann mit einem Ruck überwunden und das Ganze positiv abgespeichert. Bei einem anderen Pferd kann genau das wiederum kontraproduktiv sein. Man muss also schon sehr gut beobachten, in welche Richtung sich das Verhalten entwickelt und individuell darauf eingehen (was definitiv nicht einfach ist!).
Von außen sieht das dann auch nicht unbedingt immer schön und zielführend aus. An furchteinflößenden Stellen hat Anela eine Zeit lang angefangen, sofort rückwärts zu laufen. Absteigen hat das "Suchen" nach "Monstern" noch verstärkt. Also blieb mir nur übrig, oben zu bleiben, das Rückwärtsgehen zu akzeptieren und dann, als sie keine Lust mehr hatte, noch 2-3 Tritte mehr zu verlangen, bevor es wieder nach vorne zum "Hindernis" ging. Irgendwann war das dann eher lästig und anstregend und sie lernte, dass es besser ist, stehenzubleiben, sich die Situation ein paar Sekunden anzusehen und sich dann einen kleinen Ruck zu geben und mutig(er) zu sein.
Ebenso wenig schön anzusehen waren die Erziehungsmaßnahmen, als es darum ging, beim Zurückkommen zum Stall nicht einfach die Einfahrt runterzurennen, egal, was der Mensch gerade möchte. Nachdem Stefan einmal halb über den Haufen gelaufen worden ist, mussten wir das Thema intensiv angehen. Wir kreiselten so lange vor der Einfahrt auf und ab, bis jegliche Erwartungshaltung, es müsste jetzt sofort zurück nach Hause gehen, verschwunden war. Inzwischen kann ich problemlos am Stall vorbeireiten, selbst, wenn ein Begleitpferd schon nach unten darf.

Das Eiligwerden hat mich ebenso vor neue Herausforderungen gestellt. Wusste Anela zu Beginn mit dem Schenkel noch nicht wirklich etwas anzufangen, so wollte sie bald auf leichten Kontakt hin fast schon lospreschen. Ihre Lieblingsgangart war zeitweise der Galopp. Nachdem ich immer noch nicht überzeugt davon bin, Pferde im Training einfach müde zu machen, bis sie ruhiger werden (ein Teufelskreis, sie gewinnen sehr schnell an Kondition), versuchte ich es mit immer neuen Denk- und Koordinationsaufgaben. Erste Tritte seitwärts etablierten den seitwärtstreibenden, aber auch begrenzenden (einseitigen) Schenkel und nahmen etwas Tempo heraus. Genauso gut geeignet war die Stangenarbeit, die sie ja schon vom Longieren, beziehungsweise auch von "Natur-Cavalettis" in Form von Ästen im Wald kannte. Mit viel Lob für ein angepasstes, mittleres Tempo wurde auch dieses Thema sukzessive besser. 

Angeritten habe ich Anela gebisslos, nach der Entfernung der Wolfszähne (kleine Überbleibsel der Evolution, vergleichbar mit den Weisheitszähnen beim Menschen, nur kleiner und ohne im Knochen sitzende Wurzel) bin ich dann zu einer weichen Gummistange mit seitlichen weichen Begrenzungsscheiben übergegangen.
Warum ich mich so entschieden habe?
Also für die ersten Reiteinheiten war die gebisslose Zäumung, die Anela ja schon von der Bodenarbeit und dem Longieren kennt, perfekt. Allerdings ist die Hilfengebung über eine (milde) Nasenzäumung weitaus schwammiger und schwieriger als mit einem (ebenso milden) Gebiss. Die Ausbildung ist somit gebisslos sicher etwas schwieriger als mit Gebiss. Ein exzellenter Reiter kommt bestimmt ebenso weit, aber ich habe gemerkt, dass ich mit den Händen viel mehr herumrudere und es Anela auch leichter fällt, einmal gegen die Hand zu gehen und sich etwa gegen die Linksstellung, die ihr etwas schwerer fällt, zu wehren. Man konnte schon an der Ausbildung der Muskulatur erkennen, dass sie sich da ganz gut entziehen kann, wenn es anstrender wird.
Nachdem die Grundausbildung des Pferdes aber eine Art "Gymnastik" und "Krafttraining" für das Pferd darstellt und das Ziel ein möglichst symmetrischer Körper ist, ist es nicht sinnvoll, das einfach so hinzunehmen.
Über den Umweg des vierzügeligen Reitens (gebisslose und Zäumung mit Gebiss gleichzeitig mit zwei Zügelpaaren) habe ich dann angefangen, die Bedeutung der Gummitrense zu erklären. Für mich war das eine große Herausforderung, bin ich doch noch nie zuvor vierzügelig geritten. Dennoch klappte das ganz gut, die Bedeutung des Gebisses wurde immer größer und schließlich konnte ich die gebisslose Zäumung ganz weglassen (nur longiert wird noch mit Kappzaum).
Anela hat immer schon sehr fleißig gekaut, auch mit gebissloser Zäumung, aber mit Gummigebiss ist sie jetzt im Kiefer noch lockerer und gibt besser nach. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich keinen Nasenriemen mehr benötige - den mag sie nämlich nicht so gerne, es scheint sie an den Tasthaaren, die relativ weit nach oben reichen, zu stören. Selbst mit eher lockerer Verschnallung rümpft sie regelrecht die Nase. Das wird zwar besser - anfangs hat sie sogar versucht, das Lederzeug "wegzuschnauben" - aber wenn es sich jetzt mit Gebiss gut anbietet, warum nicht. Ich werde ganz sicher immer wieder wechseln, immerhin sollte das Reiten auf lange Sicht ja immer zügelunabhängiger werden.

Der Sattel wird auch noch getauscht - und zwar nun doch auf einen eher minimalistisch gehaltenen Springsattel. Zusätzlich kommt im Frühjahr noch ein Dressur-Maßsattel.
Ich brauche einfach mehr Freiheiten mit meinem Sitz und für meine langen Oberschenkel, als es der derzeitige Dressursattel bietet. Dankenswerterweise konnte ich den neu gekauften Sattel umtauschen.
So ganz ohne Probereiten ist es einfach schwierig und wie beim Fahrradkauf weiß man erst nach einiger Testzeit und vor allem den Vergleich mit besseren/passenderen Modellen, was man wirklich möchte. Beratung hin oder her, ich selbst kenne mich inzwischen am Besten und Längsten und gehe beim Material auch oft eher unkonventionelle Wege. Beim Sattel ist es jetzt ein eher "extremeres" Modell für sehr fortgeschrittene Springreiter geworden, der ich definitiv gar nicht bin :D Dennoch hab ich mich darin am Wohlsten gefühlt und für das Pferd ist er ebenso gut anpassbar. Sie lief damit jedenfalls freier und flüssiger als mit dem jetzigen Dressursattel, insofern bin ich guter Dinge.

Auch das Hufthema hat sich anders entwickelt als gedacht - Anela kommt mit den befestigten Böden in ihrer "Freizeit" nicht so gut zurecht und der Abrieb ist viel zu hoch. Ich stelle mich einmal auf ein weiteres Jahr Klebebeschläge ein, bis der Huf einmal ganz durchgewachsen ist. Die kurze Barhuf-Zeit nach dem ersten Klebebeschlag hat leider - auch ohne zusätzliche Belastung! - zu täglich schrumpfenden Hufen und einer Huflederhautentzündung an allen vier Hufen geführt :(
Damit ist das Thema Barhuf (+Hufschuhe im Gelände) für mich erstmal für längere Zeit erledigt und bei einem möglichen neuerlichen Anlauf werde ich deutlich vorsichtiger (und pessimistischer) vorgehen, da man ja leider doch viel kaputt machen kann und die Pferde einfach leiden, wenn die Füße brennen!

Insgesamt bin ich mit der Entwicklung nach wie vor mehr als zufrieden. Anela ist zwar hie und da mal doch im Ansatz frech, aber nie bösartig. Ihre Zugänglichkeit und Arbeitswillen ist einfach schön in der Zusammenarbeit. Meine anfänglichen Bedenken, es könnte mir etwas an Mut in vielleicht kritischen Situationen fehlen - da ich ja doch schon ein paar Jahre übers jugendliche Leichtsinns-Alter hinaus bin und einfach Angst vor Verletzungen habe, die mich dann in meiner Hauptsportart Duathlon weit zurückwerfen, haben sich inzwischen auch weitestgehend verflüchtigt.
Selten habe ich mich auf einem jungen Pferd so wohl und sicher gefühlt. Am Liebsten würde ich gar nicht mehr absteigen :)
Dennoch halte ich am Arbeitspensum "3mal/Woche Reiten für ein 3jähriges Pferd" fest und freue mich auf zukünftige Jahre mit ihr!

(Die Fotos sind diesmal nicht von so toller Qualität, da ich sie direkt aus Videos heraus genommen habe ...)

Zuletzt noch die Playlist auf Youtube (mit dem Button rechts von "Play" gelangt man zum jeweils nächsten Video, alternativ findet man alle Videos HIER.)

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