Anela - Eintrag II - Sommer 2019

Deutsches Sportpferd, Stute, geboren 2016


Freies Ausgaloppieren nach der Arbeit baue ich gerne ein, um Spannungen abzubauen.

Nach dem ersten gegenseitigen Kennenlernen und der Vorbereitung auf das Anreiten wurde der Sommer noch etwas vielfältiger - das erste Aufsitzen und der vorsichtige Aufbau der reitspezifischen Muskulatur standen auf dem Programm.
Als groben Leitfaden für die "Maximalziele" pro Altersstufe halte ich mich an das Programm der deutschen Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke. Sie hat viel Erfahrung mit ähnlichen Pferden wie Anela (ich hatte ja früher mehr mit Vollblütern von der Rennbahn zu tun) und im Gegensatz zu vielen anderen "Sportreitern" kann ich mir die von ihr ausgebildeten Pferde ansehen, ohne mich zu gruseln.
Nur die ersten 3 Monate wollte ich eher auf 6-12 Monate ausdehnen - zum Einen, da ich ja kein Profi bin und sicherlich generell mehr Zeit für die einzelnen Schritte brauche, zum Anderen, um einfach noch vorsichtiger mit der Steigerung der Belastung des Rückens zu sein. Viele steigen etwas später erst auf (mit 3,5-4 Jahren), arbeiten dann aber tendenziell mehr und fokussierter. Ich wollte das Ganze etwas "glätten". Zudem liest man gerade bei Warmblütern oft von Wachstumsschüben mit ungünstigen Hebelverhältnissen gerade eben mit 3,5 oder 4 Jahren, da würde man dann sinnvollerweise nochmal pausieren oder sich vom Boden aus mit koordinativen Aufgaben beschäftigen.
Die Wachstumsfugen waren bei Anela zwar schon auf den Röntgenbildern vom März geschlossen, aber das betraf halt auch nicht alle Skelettknochen des Körpers. Man weiß nie so genau, wann die körperliche Entwicklung abgeschlossen ist :)


Etwas missglückter Sprung ...
Wer die niedrigen Höhen nicht ernst nimmt und nur einbeinig abdrückt, kommt dennoch nicht drüber ... :)

Ziele und Methoden im Sommertraining

• Gesundheit - Am Wichtigsten war mir, das Hufthema befriedigend zu lösen, sodass sich keine verkürzten, verspannten Bewegungsmuster manifestieren. Glücklicherweise hat die Umstellung der Hufe auf die veränderten Boden- und Arbeitsbedingungen nach 3 Monaten schon sehr gut funktioniert (keine Fühligkeit mehr), trotzdem hat mir der Hufbearbeiter dann einen einmaligen Kunststoff-Klebebeschlag vorgeschlagen, um auf etwas Länge der Hufe zu kommen. Das war ein voller Erfolg - die Haltbarkeit ist top und die Bewegungen wurden sukzessive größer und freier. 
• Ausrüstung - Eine gute Sattelanpassung ist ebenso wichtig, schon der erste Sattel sollte möglichst ideal sitzen und nirgends drücken, sowie auch für mich gut passen. Nachdem Anela schon vor dem Sattlertermin eine gewisse Grundmuskulatur aufgebaut hatte und die Reitphasen sehr kurz waren, hatten wir erstmal keine Passformprobleme nach dem ersten Aufsteigen.
Vor allem wegen des Zahnwechsels blieb ich auch bei der gebisslosen Zäumung, sie reagiert da super darauf, selbst auf ein gut gepolstertes Stallhalfter ... das deutlich schärfere Knotenhalfter habe ich maximal im Gelände als "Backup" mit, aber noch nie angewendet.
• Etablieren des bisher Gelernten - Weiters behielt ich ich das Frühlingsprogramm und -methoden bei, dazu kam im Wesentlichen dann nur das Aufsitzen.
• Muskulatur - Durch länger werdende Reitpassagen soll die Tragemuskulatur entwickelt werden. Ähnlich wie das Longieren möchte ich das aber wohl dosieren (vor allem die Kombination Zusatzgewicht + enge Wendungen + eventuell noch in höherer Geschwindigkeit möchte ich für später aufheben, wenn die Balance schon besser ausgeprägt ist). De facto saß ich dann meist 2mal pro Woche für rund 30min im Schritt und Trab auf dem Pferd, im Gelände etwas länger.
• Geländetraining - Ich bin ja eigentlich nicht so die Ausreiterin, aber mit dem eigenen Pferd ist erstmal alles neu, aufregend und schön. Vor allem ist das Geradeausgehen auf anspruchsvollerem Boden genau das, was so wichtig für die Entwicklung ist - deshalb wollte ich so früh als möglich nach dem Anreiten ins Gelände gehen. Ohne vertraute Führperson ist das erstmal ganz anders und aufregend, sicher auch etwas stressig für ein so junges Pferd. Die Körperhaltung ist dann auch nicht unbedingt immer rückenschonend und entspannt, deshalb wollte ich nicht ausschließlich draußen arbeiten. Mit den anderen Pferden aus dem Stall passte es meist terminlich, vom Tempo oder von der Dauer her nicht gut zusammen. So versuchten Stefan und ich gemeinsam, das Gelände Anela in Ruhe nahe zu bringen. Fleißiges Vorwärtsgehen vor allem im Schritt war dabei wichtig - im Viereck zeigte sie sich ihrem Charakter entsprechend eher etwas vorsichtig und (zu) verhalten. Im Gelände wurde das schnell besser und sie verstand die treibenden Hilfen sehr bald und konnte das dann auch im Viereck umsetzen.
• Gewöhnung an die Umwelt - Ganz nebenbei etabliert sich dabei die Unerschrockenheit im Gelände. Für ein Pferd macht es einen großen Unterschied, ob es draußen in der Natur dem Menschen oder Führpferd folgt, oder auf einmal der eigene Kopf als Erstes den "Schreckgespenstern" begegnet. An der Hand war ja praktisch nichts ein Problem, beim Reiten musste das neu erlernt werden und war eine größere Umstellung, als gedacht! Folgte sie mir an der Hand schon praktisch überall hin, so gab es beim Führen von hinten und vom Sattel aus auch schonmal Diskussionen.
• Koordination - Ausbau der Geschicklichkeit bei der Stangenarbeit, Distanzen abschätzen und selbst Verantwortung übernehmen (die Lernkurve war beeindruckend!) - egal, ob beim Longieren über Cavalettis mit und ohne Ausbindern oder beim Freispringen. Meinem Eindruck nach sind das die Trainings, welche ihr am allermeisten Spaß machen und ganz nebenbei die Kraft in der Hinterhand sehr gut fördern.
Ihr ganzer Ehrgeiz kommt beim Freispringen zum Tragen, wenn sie doch einmal eine Stange berührt hat - falls eine gefallen ist, muss man beim Wiederaufbau schnell sein, denn sie geht praktisch immer und ohne Antreiben sofort einen neuen Versuch an und stoppt erst, wenn dieser perfekt gelungen ist.
Höhen über 1m verlange ich kaum, das fiele ihr zwar leicht, aber wichtiger ist mir das Lernen des Taxierens. 3 In-Outs (Hindernisse direkt aufeinanderfolgend ohne Galoppsprung dazwischen) mit leicht verkürzten Abständen (3m sind für sie schon eher kurz) fordern sie koordinativ weit mehr und sind daher interessanter.
• Konditions- und Krafttraining  - Galopppassagen wurden verlängert und an der Longe sehr häufiges Angaloppieren gefordert, aber auch frei in der Bahn etwas Zulegen an den langen Seiten. Das Angaloppieren auf der richtigen Hand funktioniert inzwischen fast immer, das war anfangs rechts eine größere Baustelle. Auch einige schöne fliegende Galoppwechsel konnte ich im Freilauf schon beobachten. Kreuzgalopp kommt fast gar nicht mehr vor.
• Annehmen der treibenden Hilfen - Erstmal ist es für ein Pferd ja nicht logisch, beim Anlegen des Beins loszugehen oder schneller zu werden, dafür ist die Konditionierung notwendig. Nachdem die Vorwärtsbewegung die Basis für alles andere ist, wurde daran im Sommer intensiv gearbeitet. Vom Boden aus beim Führen von hinten oder an der Longe ist das sehr einfach, man verhält sich wie ein treibender Artgenosse. Sitzt man oben, helfen schon bekannte Stimmkommandos, eine helfende zweite Person oder auch ein leichtes Antippen mit der Gerte für das Verständnis der Bedeutung der angelegten Wade.
• Annehmen der Zügelhilfen - Erstes Erarbeiten einer leichten Anlehnung (gebisslos), Entwicklung der Dehnungshaltung (ein besonderes Anliegen dabei ist mir, den "falschen Knick" in der Halswirbelsäule zu verhindern, den man ja doch schwer bis gar nicht mehr wegbekommt und der auch leider sehr oft durch schlechtes Reiten oder zu enges Ausbinden an der Longe zu sehen ist!), Zügel-aus-der-Hand-kauen (sie kaut tatsächlich auch mit gebissloser Zäumung, das hat auch schon mein früheres Mitreitpferd super gemacht).
Bei diesem Punkt stehen wir aber noch wirklich ganz am Anfang - dazu muss sie erst Balance und Takt unter dem Reiter finden, bevor man hieran aktiv arbeiten kann.
An der Longe kaut sie aber fleißig und dehnt sich an die Begrenzung durch die Ausbinder sehr schön heran - inzwischen passagenweise auch schon im Galopp und mit Kappzaum (begünstigt durch das Gewicht?) auch schon ganz ohne Hilfszügel (also brauchen wir diese nur noch selten als "Erinnerung")
• Lenkung - In welche Richtung wir uns bewegen war erstmal zweitrangig. Dennoch versuchte ich die Vorarbeit aus dem Führen von hinten oben sitzend umzusetzen. Mit Gewichtsverlagerung, Blickrichtung und begrenzendem äußeren Schenkel wurden dann auch schon passable Kreisbögen umsetzbar.
• Trab - Unsere "Arbeitsgangart" im Viereck war der Trab, da der Schritt durch das Reiten eigentlich kaum verbessert, eher verschlechtert werden kann (vor allem, wenn man sich schon früh an einer möglichst konstanten Anlehnung versucht). Ich habe mich somit weitestgehend nach der Empfehlung "im Schritt den Zügel an der Schnalle fassen" gehalten.
• Übergänge - zwischen den Gangarten, an der Longe viel Trab-Galopp-Trab, beim Reiten Schritt-Trab-Schritt (dabei maximal kurze Schrittpassagen mit Zügelverbindung, längere Schrittpassagen wie beschrieben am hingegebenen Zügel)
•  Erziehung - Mit den fortschreitenden Fähigkeiten entwickelte sich bei Anela auch ein gänzlich neues Selbstbewusstsein, dass sie sich meist noch nicht ganz so den anderen Pferden gegenüber auszuleben traut, aber beim Menschen manchmal distanzlos wurde, bettelt, oder auch - vorzugsweise bei "faden" Läufen auf Asphalt zurück zum Stall - einmal richtig herschnappt, um das Gegenüber zu testen. Die Pubertät ist also deutlich zu merken und immer wieder sind Erziehungsmaßnahmen nötig, um klarzustellen, was geht und was nicht. Allerdings waren solche Unarten maximal ein paar Tage lang zu merken und schnell wieder abgewöhnt. Dennoch - jede Kleinigkeit, die man einmal durchgehen lässt, wird kurze Zeit später in noch viel größerer Dimension ausgenutzt.
Auch jede noch unbekannte Person wird eingehend auf Führungskompetenzen überprüft.
• Beschäftigung im Kopf durch Beginn mit Zirkuslektionen wie dem Kompliment wurde einerseits gut angenommen, allerdings wurde sie auch dadurch wieder "fordernder", bot es auch mal von sich aus an (beim Hufe-Auskratzen nicht witzig!), was man dann sehr konsequent wieder abstellen muss.
• Nicht zuletzt befasste ich mich auch intensiver mit der Entwicklung eines besseren Sitzes - einerseits in der Theorie, weiteres im Kraft- und Mobilisationstraining, dann auch mit Hilfe der Videos, die von mir gemacht wurden (wir haben keinen Spiegel am Viereck, da ist es schon sehr wertvoll, sich selbst einmal am Pferd zu sehen). Es wird aber viele Erinnerungen von mir an mich selbst und auch von außen brauchen, um mich dabei sukzessive zu verbessern.


Gleich beim nächsten Anlauf hat die Körperspannung wieder gepasst :)

Trainingshäufigkeit

Wie im Frühjahr vor meinem Höhentraining im Juni ging es dann ab Juli mit 4-5mal/Woche weiter.
• Die Arbeit vom Boden war fast immer mit dabei, etwa auch als erstes "geistiges" Aufwärmen vor der körperlichen Beanspruchung (Führübungen von vorne und hinten, seitliches Übertreten, Vor- und Hinterhandwendung, dann auch vermehrt Rückwärtstreten und Zirkuslektionen).
• Glücklicherweise ist bei Anela kein sonst oft praktiziertes "Ablongieren" (also Müde-Machen an der Longe) nötig, sie weiß sich auch so zu benehmen. Longieren wurde also ausschließlich bewusst meist 1-2mal/Woche ca. 20-40min zur Balancefindung (gern auch mit Dualgassen) und auch zur Erarbeitung der Dehnungshaltung genutzt, sowie zur Stangenarbeit neben dem Freispringen.
Auch an der Doppellonge haben wir uns bereits versucht - gefühlt für mich eine größere Herausforderung als für sie!
• Hie und da (1-2mal/Monat) nahm ich sie weiterhin zum Laufen ins Gelände mit (vorzugsweise in Kombination mit "Baumstamm-Mikado" und technisch anspruchsvollen Strecken, manchmal erfolgte das auch einfach bei einem Spaziergang (ich bin nicht so die Spaziergängerin, das ist mehr das Alternativprogramm, wenn die Böden schlecht sind ...)
• Insgesamt arbeitete ich 2-3/Woche in irgendeiner Art und Weise mit Stangen, sei es eben im Gelände, bei Freispringen (1-2mal/Monat), an der Longe oder an der Hand. 
• Ergänzt wurde dies durch noch eher kurze Reitpassagen am Viereck und im Gelände, allerdings schon regelmäßig 2-3mal/Woche.


Lieblingstätigkeit - gleich nach dem (Frei-)Springen :)

Für wen das nach "viel" klingt: Körperlich ist das auch laut Tierarzt "fast nix" (kilometermäßig bewegen wir uns auch selten über 5km hinaus).
An die geistige Entwicklung stellt das natürlich schon auch große Ansprüche und ich versuche, zwar mit einer bestimmten Intention und einem Konzept in die "Trainingseinheit" zu gehen, aber ohne ein fixes (!) Ziel vor Augen zu haben. Ich versuche, das so spielerisch wie möglich zu gestalten und wenn sie die gewünschten Bewegungen anbietet (die neu und anspruchsvoll sind), dann höre ich oft auch viel früher auf, als ich ursprünglich gedacht hätte. Es sollte möglichst selten vorkommen, dass man länger arbeitet, als man es eigentlich geplant hätte - weil man eben mit einem Erfolgserlebnis aufhören möchte. Das ist mir bis jetzt gut gelungen!


Inzwischen geht das schon besser ...
Mit gestrecktem vorderen Bein wird die Zirkuslektion zu einer guten Dehnübung.

Beurteilung

Ich bin mehr als zufrieden mit den ersten Schritten unter dem Sattel und mit den ersten vier Monaten insgesamt.
Beim Longieren reagiert sie meistens sehr fein und entspannt sich gut. Selbst der Galopp bereitet kaum mehr Balanceprobleme und sie geht selbst am Kappzaum ohne jegliche Hilfzügel schon meist von sich aus in die Dehnungshaltung.
Ihre anfängliche Skepsis gegenüber Stangenarbeit hat sich soweit gewandelt, dass sie kaum mehr davon abzuhalten ist. Egal, ob ganz niedrige Cavaletti oder Freispringen, mehrere Aufgaben hintereinander, unterschiedliche Begrenzungsvarianten - sie wächst dabei über sich hinaus.
Im Gelände geht sie durch jedes Wasser und lässt sich durch kein noch so bedrohlich wirkendes Fahrzeug beirren. Nur Ziegen sind noch unheimlich ...
Die einzigen Buckler von ihr kenne ich im Freilauf, an der Longe hat sie sich sofort davon abbringen lassen und unterm Reiter gar nicht erst versucht. Selbst das wildeste Gewitter konnte unsere Reiteinheit nicht stören, nachdem sie zwei Runden ruhig im Schritt geführt wurde. Bis jetzt konnte ich jedes "Aufheizen" rechtzeitig spüren und wieder entschärfen. Das Stehenbleiben klappt ebenso sehr solide.
Bis jetzt fühle ich mich auf ihr weit sicherer als auf vielen anderen Pferden, die ich schon reiten durfte. Mit dem Älterwerden wird man nämlich auch ein klein wenig zum Angsthasen :) Ich denke, im nächsten Sommer werde ich die (zugegebenermaßen ganz schön warme ...) Schutzweste nur mehr beim Geländereiten verwenden. Der Helm bleibt aber ...
Interessant ist auch, dass sich die Händigkeit genau vertauscht hat - war zunächst der Rechtsgalopp kaum möglich, fällt er ihr inzwischen leichter als links und auch bei der Bodenarbeit und vom Sattel aus tut sie sich auf der rechten Seite leichter. Das liegt aber keineswegs daran, dass ich die vormals weniger gut koordinierte Seite mehr trainiert hätte - ich denke, das ist einfach von selbst in der Entwicklung passiert (die rechte Seite ist nämlich eigentlich bisher auch meine Schlechtere - somit wäre es vielleicht gar nicht so blöd, wenn sich unsere Schokoladenseiten nicht decken und sich gegenseitig etwas ausgleichen).

Zuletzt noch die Playlist auf Youtube (mit dem Button rechts von "Play" gelangt man zum jeweils nächsten Video, alternativ findet man alle Videos HIER.)

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